Natürliche Kinderfotos

Zsu Szabó | 05.02.2019 | 0 Kommentar |

"Ich sage: Schluss mit der Perfektion! Ich sage: entwickeln wir uns! Lass die Dinge einfach laufen!"



Erinnert ihr euch an Tyler Durden aus FIGHT CLUB?

Ich mich ganz genau. Denn sobald ich fühle, dass ich meine Haltung verliere, mich aus Angst und Faulheit anpasse, gebe ich mir den gedanklichen Lucky Punch in Form dieses Films. Dann komme ich zur Besinnung und mache da weiter, wo ich aufgehört habe: bei mir, so, wie ich wirklich bin.

Vor nicht allzu langer Zeit zeigte mir eine Freundin die fertigen Kita-Fotos ihrer Tochter. Auf Anhieb machte ich einen Schritt zurück. Sie meinte gleich: „Ich weiß, ich weiß. Diese Fotos sind schrecklich. Und doch kaufen die Eltern die Bilder, weil ihre Kinder drauf sind.“ „Echt?“ entgegnete ich. Ihre Tochter ist mir nämlich gar nicht aufgefallen. Dafür aber ein auf 7-jährigen Vamp getrimmtes Mädchen, das gerade 5 Jahre alt ist. Stylische Mähne. Etwas Lip-Gloss. Alles sitzt.


Der Hintergrund schimmerte in Rosé-Tönen, was perfekt zum Kleid des Mädchens passte. Auch die Ausleuchtung und die Bildbearbeitung waren top. Das puppenhafte Foto bis zur Schädeldecke in den Weichzeichner getaucht wirkte fantastisch leblos. Es hätte sonst wer sein können, denn vom Charakter des Kindes war nichts zu erkennen. 


Was ist der Sinn eines solchen Bildes im Bereich der Kinderfotografie? Wo ist diese ursprüngliche und kraftvolle Rohheit geblieben, die jedem Kind innewohnt?

Der Fotograf baut seine Studioblitze und den Hintergrund auf, platziert die Utensilien und jagt alle nacheinander durch. 3, 2, 1 und lächeln! Herrlich, denn alle Kinder haben mindestens 10 Sekunden Zeit, um sich frei zu entfalten. Die so entstandenen Fotos werden anschließend durch eine Photoshop-Aktion gelassen, und alle bekommen den typisch-perfekten Kinder-Klon-Filter. Fertig! (Fast so schlimm, wie all diese haarsträubenden Casting-Shows: es gehen Menschen rein, aber es kommen uniformierte Roboter raus. Mit dem Unterschied, dass die Teilnehmer hier auch noch gehirngewaschen werden.)


Für mich hat Kinderfotografie einen anderen Sinn. Eher DEN einzigen Sinn: DAS KIND zu fotografieren, das vor meiner Kamera ist. Das Kind, das lustige, schöne, merkwürdige Eigenheiten hat. Dessen Haare im Eifer des Spiels zerzaust und die Strümpfe verrutscht sind. Das Kind, das ein Gesicht zieht und uns vielleicht seinen Rücken zeigt. 


Das lebendige, natürliche, kindliche Kind. Direkt und Schnörkellos. 


Bis er die grosse Lektion in Manipulation erlernt.

Leider werden oft diese eingestellten Bilder gewünscht, weil wir uns an sie gewöhnt haben. Wir haben uns daran gewöhnt, Masken zu tragen und Rollen zu spielen. Der Mensch hat Angst davor, nicht zu gefallen, nicht geliebt zu werden. Er fürchtet die Einsamkeit. Also, immer passend drauf sein und unsere Anwesenheit wird gemocht. Kasperletheater as its best. Je nachdem, was man von uns erwartet, wie wir am besten ankommen, benehmen wir uns. In unserer Kultur sollten wir auf einer Beerdigung traurig sein. Auf einer Hochzeit glücklich und optimistisch. Wenn da jemand aus der Reihe tanzt, erntet er empörte Blicke. Auf Kinderfotos wollen wir lachende Kinder in sauberer Kleidung sehen. Brav, adrett, glücklich und perfekt.

Das hat für mich nichts mit dem wirklichen Leben zu tun. Ich mag keinen Einheitsbrei, sei er noch so glanzvoll. (Sowieso werde ich bei zu viel Glanz skeptisch.)

Ich möchte die Eigenheiten eines Menschen erfassen, mit seiner Stimmung mitgehen und sie in meinen Bildern zeigen. So kann es gut sein, dass ich euch ein Foto eures Kindes mit Rücken-Ansicht gebe. Nicht, weil ich zu faul war, die Position zu wechseln, sondern weil ich die Schönheit genau darin entdecke. Ich will die Kinder nicht mit Gummibärchen dazu bringen, in die Kamera zu schauen.

Oder mit Dragan Tapshanov:

„Photography is about capturing souls not smiles.“


Ich finde es unendlich schön, ein Kind sich frei entfalten zu lassen. Ohne Erwartungen, aber mit Neugier und Bewunderung. Wie es dann wird, wird es perfekt in der Unvollkommenheit. Menschlich und liebenswürdig. 

Lasst uns entwickeln!

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