Warum dauern meine Familienreportagen so lange?

Zsu Szabó | 25.12.2018 | 0 Kommentar |

»Die Zeit, die du für deine Rose gegeben hast, sie macht deine Rose so wichtig.« 

A. de Saint-Exupèry: Der kleine Prinz


»Ich suche Freunde. Was bedeutet ›zähmen‹?
»Das wird oft ganz vernachlässigt«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet ›sich vertraut miteinander machen. Bitte... zähme mich!«, sagte er.
»Das würde ich gern tun«, antwortete der kleine Prinz, »aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden und viele Dinge lernen.«
»Man versteht nur die Dinge, die man zähmt«, sagte der Fuchs. »Die Menschen haben keine Zeit mehr, um etwas kennen zu lernen...«
»Was muss ich machen?«, sagte der kleine Prinz.
»Du musst sehr geduldig sein«, antwortete der Fuchs. »Du wirst dich zunächst mit einem kleinen Abstand zu mir in das Gras setzen. Ich werde dich aus den Augenwinkeln aus anschauen und du wirst schweigen... « »Aber jeden Tag setzt du dich ein wenig näher …«


Ja. Das ist genau das Bild, das ich vor mir sehe, wenn ich an die Langzeitreportage mit euch denke. Ich lerne euch langsam und behutsam kennen. Mit Interesse, Ruhe und Geduld. Keine Spur von Eile oder Hast. Mir ist es wichtig, dass ich mich auf euch wirklich einlasse. Ich will bei euch ankommen, wie ein leeres Glas, ehrlich neugierig darauf, wer und wie ihr seid. Ich will keine vorgefertigten Bildideen im Kopf haben, denn ich lasse mich mit euch treiben. Ich möchte euch zusehen und zuhören, eure Beziehung zueinander erfassen. Euer Leben genau dort, genau so, wie es ist. Das ist ein langsamer, dichter Prozess, der - wenn wir ihm den natürlichen Flow lassen - satte Bilder ausspuckt. Das ist meine Erfahrung (mit Shootings) mit Menschen und somit mein Umgang aus Überzeugung. 

Glaubt mir, ich habe mein Konzept für diese Website 20 mal umgeschmissen. Ich habe zig andere Shooting-Angebote angeschaut, sie mit meinen verglichen, geändert, angepasst. Und eben das hat mich zum Verzweifeln gebracht: ich fühlte es nicht, dass ich die gängigen Shootings anbieten soll: diese schnelle Arbeit, die oft routiniert die Menschen abfertigt. Ich verabscheue einstudierte Abläufe.

So war es mir auf einmal klar: ich biete das an, was meine eigenen Werte und Wünsche widerspiegelt, und ich euch vom Herzen gebe: Aufmerksamkeit. Interesse. Respekt. Vertrauen. Tiefe. Echtheit.


FOTOREPORTAGEN, DIE RAUM UND ZEIT LASSEN. 


Wenn ich mich umschaue, wimmelt es überall nur so von Shooting-Angeboten, die vom Dauer kaum die 2-Stunden-Grenze überschreiten. Schnelligkeit wird auch in anderen Bereichen des Lebens hochgehalten, sei es mit Multitasking (möglichst 18 Dinge auf einmal tun), sei es mit anderen Hilfsmitteln. Es gibt Themen, bei denen ein sportliches Tempo angebracht ist. Auch ich fotografierte manchmal zackig: auf der Toilette eines Clubs hat man nicht ewig Zeit. Hier heißt es: Rock’n’Roll! Meine dort entstandenen Fotos damals hatten sehr viel Energie und Pfeffer im Arsch wegen des Zeitdrucks, und die Spannung brachte Spaß. Aber grundsätzlich frage ich mich:

Was bringt uns die Eile im Leben?

Ja, klar. Mehr Zeit. Aber worauf verwenden wir tatsächlich die gewonnene Zeit? Verbringen wir sie intensiver, konzentrierter und fokussierter mit uns selbst? Mit unseren Kindern oder mit sinnvollen Sachen? Oder schauen wir noch mehr Fern?

Mein Konzept entstand nicht, weil ich unbedingt gegen den Strom schwimmen muss. Mein Konzept entstand aus meiner Überzeugung und meinem eigenen Lebensstil, den ich inzwischen bewusst kultiviere. Lieber weniger Dinge tun, dafür aber aufmerksam und intensiv. Und mit Menschen lasse ich die Dinge langsam angehen. Ich möchte sie sehen. Bei einer hohen Geschwindigkeit verschwimmt die Landschaft, und uns bleiben die oft wichtigen Details verborgen. Die kann man aber nur wahrnehmen und auf sie eingehen, wenn wir das Tempo drosseln und etwas verweilen.

Aber wie beeinflusst konkret der längere Shooting-Dauer eure Bilder? Was bringt euch das MEHR an Zeit?

Ich habe Kinder und Familien schon immer natürlich fotografiert, d.h., möglichst ohne Anleitung und Posen. Doch veränderten sich die Gesichtsausdrücke und die Körperhaltung der Leute, sobald ich die Kamera hochhob. In einem 1,5-Stunden-Shooting haben die Fotografierten und auch der Fotograf nur wenig Chance, sich an die Situation so zu gewöhnen, dass sie die Kamera vergessen können. Die Szenerie bleibt etwas „besonderes“, nichts alltägliches, und dadurch verhalten sich die Menschen irgendwie, anstatt zu SEIN. 

Für das natürliche Sein eines Menschen brauchen wir eine Atmosphäre der Normalität, gar der Vertrautheit. Die Zeit ist das, was dabei hilft, diese Stimmung entstehen zu lassen. Irgendwann gehöre ich zum Inventar, und keiner schert sich mehr darum, dass ich in eurer Küche herumschleiche.

Diese entspannte Normalität bringt auch die Möglichkeit, dass ihr das Shooting gar nicht mehr als eine Fotosession wahrnehmt: ihr musst euch nicht anstrengen, besondere Dinge besonders gut zu präsentieren, zu machen. Ihr tut, was ihr immer tut. Und vor allem: wie IHR es tut. 

Ich recherchierte viel über die Bedeutung von Fotoreportagen und Dokumentationen. Ich stieß u.a. auf Folgendes:

»Der Dokumentarismus ist eine Form der Annäherung an ein Thema, keine fertige Technik; eine Bejahung und keine Verneinung.  

"Grundprobleme der dokumentarischen Fotografie" 

https://www.degruyter.com/downloadpdf/books/9783839410400/9783839410400-003/9783839410400-003.pdf

Genau das treibt mich an. Das Fremde kennenzulernen. JA zu euch. JA zu dem, was IST. 

Dass die Fotos keine schnieke, gekämmte Leute und brav lächelnde Ton in Ton-Kinder zeigen - Mist, was? Aber mal ehrlich, gibt es das, die Perfektion? Und wenn ja, ist sie nicht trügerisch und sterbenslangweilig? Ein gequirltes Konstrukt, was mit der Realität wenig zu tun hat? Wie kann ein Foto eine wirkliche Erinnerung werden, wenn es gekünstelt ist? 

Wie denkt ihr darüber? Was sind eure Erfahrungen und Gefühle dazu?

Das nächste Mal schreibe ich euch über die Perfektion, und das, was Tyler Durden dazu sagt. Mit Zeit und Unperfektion;-)

Haut rein!

Eure Zsu


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