Wie wurde ich zur Kinder-und Familienfotografin?

Zsu Szabó | 20.02.2019 | 1 Kommentar |

Das ist eine lange Geschichte. Hier kommt die Kurzfassung. Allerdings so, dass ich mit dem Hier und Jetzt beginne – nicht, dass ihr mir abspringt;-)

Kinder sind das wundervollste, was es gibt. Sie sind empfindsam und voller Herz. Sie haben eine unglaubliche Tiefe und Wärme. Ich bewundere ihre unverblümte Direktheit: sie sagen, was sie fühlen, und machen, was sie wollen. Ohne Umwege. Ich liebe diese Rohheit und wünschte sie uns allen. Die Welt wäre so viel besser dran, als mit diesen schmierigen Höflichkeiten und verdorbenen Lügen.

Es gibt keine bösen Kinder. Niemals. Alle Kinder sind gut und echt. Sie brauchen Schutz und Liebe, damit sie dazu werden, was schon in ihnen schlummert: ihr bestes Ich. Es ist an uns Eltern, sie auf diesem Weg zu begleiten: mit Respekt, Interesse, Begeisterung und Unterstützung. Mit einem eindeutigen „JA!“ 

Früher habe ich über solche Dinge nicht nachgedacht. Ich kannte mich nicht, und machte keine Anstalten, dies zu ändern. Ich war seelisch faul, blind, wies die Verantwortung von mir und hatte Angst, mir die richtigen Fragen zu stellen. 

Ich bin immer noch keine dieser Frauen, die theatralisch ausflippt, wenn sie ein süßes Kleinkind sieht. Damals aber waren mir Kinder völlig egal. Genauer gesagt mochte ich sie nicht sonderlich. Ich verband mit ihnen, dass sie dreckig, laut, ungehobelt, dumm, verzogen... sind. Mit dem Eltern-Sein habe ich Aufopferung, Selbstaufgabe, Knast... verknüpft. Ausgesprochen rosig, wenn ihr mich fragt. Zumindest war ich so ehrlich zu mir, dass ich auf dieser Basis keine Kinder haben wollte. Mein Leben war dementsprechend egoistisch. Das war genauso notwendig. Hätte ich das nicht gemacht, würde ich heute nicht so empfinden, wie ich es tue. Um 180 Grad anders.

Als ich damals von meiner Schwangerschaft erfuhr, bin ich fast in Ohnmacht gefallen. Das Gefühl hat mich weggefegt, denn wider Erwarten überkam mich das Glück. Mein Junge war kein geplantes Kind. Aber der Wunsch, dass er erfährt, wie schön das Leben sein kann, war ab Sekunde eins mit einer brachialen Kraft da.

In der Zeit habe ich mich schon intensiv mit mir auseinandergesetzt. Dass ich aber noch einen großen Teil meiner Lektion zu lernen habe, wusste ich nicht. Die ersten 2 Jahre ohne Hilfe als Alleinerziehende mit meinem kleinen Baby durchzuhalten, hat mich zeitweise k.o. geschlagen. Ich war 24 Stunden mit ihm beschäftigt und selber empfand ich mich gar nicht. Ich, die bis dahin nur frei drehte, spontan und von einem Tag auf den anderen lebte, war in einer brutalen Maschinerie namens „Elternzeit“. Nicht nur, dass die ganze Palette von Verantwortung, Pflichten und Aufgaben an mir hingen, ich konnte kaum noch arbeiten. Eine Ich-Zeit war völlig ausgeschlossen. Mit Kita-Beginn kam meine Hoffnung auf ein paar Stunden am Tag für mich. Doch leider wurde mein Sohn ständig krank. Meine Annahme mit dem Knast hat sich also temporär bestätigt. 

Ich hatte keine Ausstellungen mehr, hatte keine Zeit, in Ruhe zu fotografieren oder mal für zwei Minuten in die Luft zu gucken. Irgendwann kam eine unerwartete Möglichkeit: ich durfte an einem Fotowettbewerb teilnehmen. Das eine Thema, meine Mutterschaft, fiel recht düster aus. Die Kritik war wohltuend, wie auch die Beschäftigung mit meinen Gefühlen darüber. Ab dem Zeitpunkt schien sich etwas gelöst zu haben. Vielleicht war es nur die Tatsache, dass es Sommer war. 

Ich fing an, sehr bewusst zu fotografieren. Auch meinen Sohn, fast täglich. Ich schrieb für mich wichtige Beobachtungen in meinem Verhalten ihm gegenüber auf und machte mir Zettel mit Vorhaben und Achtsamkeits-Übungen. Ich las schon immer viel über die Seele, aber nun häuften sich die Psychologie-Bücher. Eine Erkenntnis jagte die andere, und es war klar: ich will mich wiederfinden. Ich will glücklich und zufrieden mit mir sein, denn – wie Erich Fromm schreibt – braucht ein Kind nicht nur Milch, sondern auch Honig. Die Milch steht für die überlebenswichtige Dinge, wie Nahrung, Obdach oder Kleidung. Der Honig für das schöne, süße Leben. Ich habe kapiert, dass es meine Verantwortung ist, ihm das zu vermitteln. Wie? Indem ich glücklich bin und ihm das vorlebe.

Ich fing an, Rocco ganz anders zu sehen. Ich beobachtete mich, wie ich mich in Konfliktsituationen verhielt. Wie ich es zuließ, dass es überhaupt zu Konflikten kam. Ich begriff, dass es nur die eine Sache ist zu wissen, warum ich so denke, wie ich denke. Aber womöglich ist es noch wichtiger zu wissen, ob diese Gedanken wirklich meine sind? Oder ob ich Mustern folge, die ich irgendwann gelernt und übernommen habe? Die Autopilot-Geschichte, you know;-)

Es ist eine fortwährende Übung von mir geworden, Rocco und seine Bedürfnisse verstehen zu wollen. Ohne Mitgefühl keine Lösung, wenn's hart auf hart kommt. Natürlich kommt es das. Völlig normal, dass zwei verschiedene Menschen hin und wieder Konflikte haben. So weiß ich heute, dass wenn er etwas für mich merkwürdiges macht, er es nicht tut, um mich zu ärgern. Er will sich und die Dinge erfahren. Er will einfach wissen, wie was ist. Nein, ich sage ihm dann nicht, dass er die Wand noch mal mit Filzstift bemalen soll. Aber ich reagiere meistens verständnisvoll auf seinen Drang, die Welt kennenzulernen. Klar. Manchmal gelingt mir das nicht. Aber immer dann, wenn ich mich in meiner Lust nicht dazu mitreissen lasse, auszuflippen, sondern sanftmütig und liebend bleibe. Weil ich das so will.

Diese Sicht auf die Welt, auf meinen Sohn, auf mich als damals kleines Mädchen und auf alle Menschen haben mich und meine Fotografie verändert. Die stark inszenierten Bilder sind passé. Die Annahme, dass die Kinder-und Familienfotografie ein super Job sein könnte, hat sich verflüchtigt. An ihre Stelle kam die Beschäftigung mit mir, mit den Menschen. Damit kam die Liebe und das ehrliche Interesse, das sich nicht nur in der Ästhetik zeigen möchte. Ich will mehr als das. Ich will die Seele und ich gebe dazu meine.

So bricht jetzt diese Ära an. Echt, ehrlich und einfach nur gut. Ich sehe mir die Menschen an, vor allem die kleinen Menschen. Ich wünschte, dass sie alle in Ruhe aufwachsen könnten. In seelischer Sicherheit und bedingungsloser Liebe. Wo erkennt man das mehr, als im Alltag einer Familie?

Das Düstere in mir und meiner Fotografie ist nicht gänzlich gewichen, denn es bleibt immer ein wichtiger Teil von mir. Wie könnte ich meine größten Meister ignorieren: Lynch, Ulrich Seidl, Araki oder Cave.... Aber dazu in meinem nächsten Artikel: meine Inspirationsquellen. Es bleibt spannend. Bleibt achtsam!

Zsu

Kommentar
Bettina
vor 2 Tagen
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Hi, ich habe keine Kinder, weil ich so ähnlich ticke wie du es hier beschreibst aus deiner Zeit "vor Rocco". Manchmal glaube ich, dass ich echt was verpasst habe (damit meine ich nicht die 24 Stunden ohne Schlaf und Dauerpräsenz - lach). Da steckt so viel Liebe drin, so viel feines Gespür und das fließt auch in dein Fotos ein, finde ich jedenfalls. Stärke und Sanftheit schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich hier irgendwie. Das empfinde ich zumindest so. Der kleine Mann erinnert mich an die Geschichte vom kleinen Prinz ...
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